Tornado in Gebenhofen [2]

13.05.2015 | Der Tornado in Gebenhofen [2]
Ein persönlicher Rückblick

[nächste Seite]  [vorige Seite]

Auf der Anfahrt:
Dass es ein Tornado ist, will noch keiner glauben

Als wir die A8 mit den vier Fahrzeugen des Roten Kreuzes überqueren, sehe ich unten, wie die Autofahrer ihr Tempo verlangsamen. Vier Feuerwehrfahrzeuge sieht man hier öfter, vier Fahrzeuge von Rettungsdienst und Feuerwehr eher selten.
Mein Handyakku ist fast leer, aber für eine SMS reicht es sicher noch. “Renate, gib allen Kindern und Freunden Bescheid, dass sie zu Hause bleiben sollen, anscheinend ein schwerer Sturm, wenn ihr was merkt, geht in den Keller.”
“Okay? Und was ist mit Euch? Bitte pass auf dich auf!!!” kommt postwendend zurück.
“Ja, klar.”
Wir fahren inzwischen am Augsburger Flughafen vorbei. Ich sehe keine umgerissenen Schilder, ich sehe keine abgerissenen Zweige bei den Bäumen.

“Christoph, ich glaube, so schlimm wird es nicht sein.” sage ich noch einmal. Es scheint doch alles hier einigermaßen normal zu sein.

Bis auf den Funk. Jetzt bekommen wir mit, dass sich ein weiterer Sanitätszug meldet. Er ist aus Landsberg. Das ist 60km von Affing entfernt.
“Nein, Schorsch,” entgegnet Christoph jetzt, “wenn sie mal alles aus so einem Umkreis zusammenziehen, dann ist schon was dahinter.”

Dann erreichen wir den Aufstellplatz in Affing. Wir steigen aus, besprechen uns kurz. Ein hauptamtlicher Kollege fragt kurz durch: “Wer kennt sich auf welchem Fahrzeug am besten aus?” Ich komme mit Christoph zusammen auf einen alten Krankentransportwagen.
“Und jetzt?” möchte ich wissen.
“Warten”, erklärt Christoph. Ich sehe mich um. Hier liegen sehr viele abgerissene Zweige neben der Strasse.
Aber sonst ist nichts zu sehen. Es ist kalt hier draußen, ich bin froh, dass ich eine warme Jacke anhabe.

Dann geht es weiter. Im Konvoi werden wir Richtung Gebenhofen geschickt.

Wir sehen Menschen auf der Straße herumlaufen, die viel zu leicht angezogen sind. Sie sehen zu den Dächern hinauf, auf denen einzelne Ziegel fehlen, hin und wieder auch mehrere am Stück. Die Menschen schauen erschrocken aus, manche liegen sich in den Armen, andere laufen verstört herum. Überall dazuwischen auch Helfer der Feuerwehren, die sicher aus der ganzen Umgebung zusammen gekommen sind. Als wir kurz anhalten müssen, weil unser Konvoi zum Stehen kommt, taucht aus dem Dunkel neben dem Auto eine Frau auf, die kurzärmlig angezogen ist, und zittert, aber da geht es SHE3schon weiter.

Eine apokalyptische Szenerie breitet sich vor unserem Scheinwerferlicht aus

“Vorsicht!”, ruft Christoph neben mir. Ich bin schon auf die Bremse gestiegen. Die Straße vor uns ist nicht mehr grau, sie ist rot. Ziegelrot. Nur hin und wieder sieht man größere Ziegelstücke von Dachziegeln dort liegen, der größte Teil der Ziegel ist mit einer solchen Wucht aufgeschlagen, dass er zu rotem Sandstaub pulverisiert wurde. Ich sehe auf die Fahrbahn, um scharfkantige Teile zu umfahren, die im Scheinwerferlicht vor mir auftauchen, als ich wieder Christophs Stimme höre.
“Nein…!”, ruft er. “Ja, Himmel, ja, das kann gar nicht sein, ja meine Güte …”
Ich sehe nach rechts. Dort steht ein Haus, bei dem nicht nur Ziegel fehlen, sondern auch ein Teil des Dachstuhls weggerissen wurde, davor sind umgestürzte Bäume, auf denen ein Auto auf dem Rücken liegt, von dem ich nur die blecherne Unterseite sehe, es sieht aus, als sei der Wagen in die Wand des Hauses gekracht.
“Wahnsinn, das kann doch jetzt gar nicht wahr sein, das glaube ich nicht.”
Ein weiteres Haus, ein langes, schmales Gebäude, zweieinhalb Geschosse hoch, liegt an unserem Weg. Es steht nur noch der eine Teil des Hauses, rechts fehlt der komplette Dachstuhl und der erste Stock, nur vom Erdgeschoss stehen hier noch die Wände.

“Vermutlich werden wir mit der Feuerwehr zusammen nach Verschütteten suchen müssen” denke ich.

Und dann drängt sich mir wieder dieser Spruch auf, den wir von der Feuerwehr kennen: Wo alle Menschen raus laufen, da fahren wir hin und laufen rein. Es ist nötig und wichtig, was die von der Feuerwehr, und was wir machen, aber es ist auch sehr verrückt. Vielleicht ist mir ein wenig beklommen, ich weiß ja nicht, was auf mich zukommen wird in dieser Nacht, aber dann weicht die Angst, dass auch uns etwas passieren könnte dem guten Gefühl, bestmöglich vorbereitet zu sein: in einer “guten Organisation gut organisiert” zu sein, wie es einmal ein Ausbilder sagte, und Menschen um sich herum zu haben, die nicht nur wissen, warum sie etwas tun, sondern auch, wie sie es tun müssen, jeder an seiner Stelle.

Eine gespenstische Szene, es tauchen immer neue Hausruinen vor uns auf. Ein Haus, dessen Dach fehlt und dessen Giebelseite weggeklappt ist. Ein anderes, dessen Breitseite einfach komplett eingedrückt ist. Wie eine Schuhschachtel, in die jemand seitlich hineingetreten hat; darüber ein eingefallenes, in der Mitte durchhängendes Dach. Metallteile, die überall dazwischen liegen, Garagen, bei denen die Tore fehlen und von denen nur eines noch in der Nähe liegt, während die Autos offenbar schräg verschoben wurden. Anhänger, die irgendwo neben der Straße liegen. Häuser, an denen an irgend einer Stelle im Dach oder einer Wand riesige Löcher sind, aus denen die Türen oder Fenster herausgebrochen sind. Irgendwo ein zusammengerollter Blechklumpen. “Das war wohl mal das Gewächshaus einer Gärtnerei…” höre ich jemanden, als ich kurz anhalte, und das Fenster herunter kurble. “Da hinten ist euer Aufstellplatz.” erklärt mir ein Kollege, “fahrt da bitte seitlich in diese Hofeinfahrt.”

Ich parke rückwärts ein. Als ich aussteige, bekomme ich von irgend einem Kollegen ein Formular in die Hand gedrückt. “Dein Einsatzausweis, bitte ausfüllen und mit dem vorderen Durchschlag zurück an mich, den hinteren behältst du bei dir. Ich schaue kurz durch.
“Nummer der Kennmarke?” frage ich nach.
“Da schreiben wir alle unsere Mobilfunknummern rein”, erkärt Christoph.

[nächste Seite]  [vorige Seite]

BHE1A22