Tornado in Gebenhofen [3]

13.05.2015 | Der Tornado in Gebenhofen [3]
Ein persönlicher Rückblick

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“Es sieht hier aus wie im Krieg” ruft jemand aus dem Dunkel

“Wie im Krieg…” höre ich die Stimme, die offenbar die eines jungen Mannes ist noch einmal. Ob es ein Kollege ist, oder ein Anwohner, erkenne ich nicht. Ich sehe mich um. Es sieht wirklich an manchen Stellen aus, als seien Löcher in die Häuser geschossen worden oder Bomben in den Dachstühlen der Häuser explodiert. Schwer verletzte Personen haben wir aber immer noch nicht entdeckt. SIMG_9884C

An uns vorbei irrt eine ältere Dame, das Licht eines unserer Fahrzeuge streift ihre Beine, sie hat eine leichte Sommerhose und nur ein kurzärmliges, dünnes Hemd an. “Ich weiß nicht mehr, wo mein Haus ist”, stammelt die Frau. “Ich weiß gar nicht mehr, wo ich wohne …” Sie macht einen verwirrten Eindruck, sie läuft nicht geradeaus, sie wechselt ständig die Richtung.
Ich laufe ihr ein paar Schritte nach, aber sie wird weiter vorne schon von zwei Sanitätern, die ich noch nie gesehen habe, in Empfang genommen, und auch ein paar Dorfbewohner sind gekommen, und kümmern sich um die Frau.

Im Hintergrund höre ich immer den Funk, der aus mehreren, offenen Fahrzeugtüren von Rettungsfahrzeugen zu mir dringt. Mehrfach höre ich etwas von Leichtverletzten. Dass eine Person ins Zentralklinikum gefahren wird und zwei andere demnächst nach Aichach und Friedberg gebracht werden sollen.

Mein Einsatzausweis wird wieder eingesammelt. “Wir haben immer noch nur leicht verletzte Personen.” erklärt mir der Kollege, der den Ausweis abholt.
“Wozu ist der Ausweis?” frage ich einen anderen Kollegen.
“Wozu ist der…” frage ich Christoph, als ich den Ausweis ausgefüllt zurück gegeben habe.
“Keine Ahnung, vielleicht, falls am Ende jemand von uns bei so einem Einsatz nicht mehr auftaucht, damit man weiß, wer es war.”
Ich sehe ihn erschrocken an.
“Nicht heute,” nimmt er seine Worte etwas zurück. “Ganz allgemein.”
Dann murmelt er noch etwas, das ich nicht verstehe, und das klingt, wie ein “Hoffe ich doch…”
Ich bestätige es ihm, dann sehe ich wieder auf die Straße.

Eine Frau läuft am Arm einer anderen, sie hat das Gesicht gesenkt, dann bleibt sie stehen, betrachtet ein Haus – oder was davon übrig geblieben ist, sie beginnt zu zittern und zu weinen. Ein Mann kommt dazu, dann sagt er in einer ruhigen Stimme: “Es ist nur Material, verstehst du. Nur Material! Es ist nichts, das man nicht reparieren könnte.”
“Das war das Haus der beiden.” erklärt mir jemand, der dazu gekommen ist.
“Nur Material …” sagt der Mann immer wieder in einer ruhigen Stimme. Es hat etwas Meditatives, Suggestives, es klingt wie ein Mantra. “Nur Material.” Die Frau ist ruhiger geworden. “Nur Material, es lässt sich alles wieder in Ordnung bringen. Es ist nichts passiert.”

Neben uns liegt eine Straßenlaterne. Das Metallrohr ist an mehreren Stellen gebogen, sie hat die Form eines Zickzacks. Metallisch reflektiert das verbogene Rohr das Licht eines Mastens, der aufgestellt ist, um eine Verletztensammelstelle einige Meter weiter entfernt, zu erhellen. Einer Skulptur gleichend, die einen Blitz darstellen könnte, liegt sie da – das letzte Ende mit der Lampe nach oben gestreckt, wie eine Hand die fragend in den Himmel greift.

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