Tornado in Gebenhofen [1]

13.05.2015
Der Tornado in Gebenhofen [1]

Ein persönlicher Rückblick
Bericht von Georg Lehmacher

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Ein fast normaler Nachmittag

Ich bin am Flugplatz Genderkingen bei Donauwörth. Ein warmer, etwas schwüler Tag, kurz vor Sonnenuntergang. Ich fliege Platzrunden mit einer modifizierten Cessna 150, übe das Landen mit diesem Flugzeug, das ein klein wenig länger ist, als eine normale Cessna 150. Es ist ein kleines, sehr leichtes Flugzeug, das schnell und deutlich auf Bewegungen der Luft reagiert, nicht ganz neu, aber sie liegt schön ruhig in der Luft, als ob sie auf Schienen liefe. Nach der sechsten Runde war Wolfgang, der Besitzer, ausgestiegen. “Das gefällt mir alles sehr gut – jetzt kannst du alleine weiterfliegen, ein paar Runden gehen noch, bevor die Sonne weg ist.” Die letzte Landung in der untergehenden Sonne. Friedlich liegt der Platz vor mir.

Drei gleichmäßige Anflüge. Aber beim letzten erwischt mich vor der Bahn eine Böe. Viel heftiger, als ich so etwas an diesem ruhigen Abend eingeplant habe, dreht sie mich fast komplett auf die Seite, für einen kurzen Moment überlege ich noch, ob ich überhaupt die Bodenberührung riskieren sollte, oder nicht lieber durchstarten und erneut anfliegen muss.

Aber dann ist die Maschine wieder gerade, die Luft ruhig, ich setze sanft auf, rolle von der Landebahn ab zum Hangar.

Was war das gerade, bitte?, überlege ich, als ich ausgestiegen bin, und beginne, die Maschine in den Hangar zu schieben. Gefährlich war es nicht – aber doch etwas unangenehm. Wolfgang hatte das Ganze vom Boden aus beobachtet.

“Was war denn das?” fragt nun auch er mit gerunzelter Stirn. “Was hast du denn da gerade gemacht, kurz vor dem Aufsetzen?” Ich zucke mit den Schultern. “Eine Windböe. War ziemlich krass und völlig unerwartet.”
“Gerade eben? Hier hat man nichts gemerkt. Die Luft ist doch komplett ruhig.” Wolfgang schaut in Richtung Westen. “Es soll noch Gewitter geben”, setzt er dann nach.

Wir setzen uns in die Pizzeria, trinken noch etwas, unterhalten uns über Flugzeuge. Draußen hagelt es jetzt, aber die Hagelkörner sind nur etwa 5-6 mm groß. Um kurz nach zehn Uhr hört es auf, wir können wieder zum Auto gehen, ohne nass zu werden.

Der Beginn einer langen Nacht

Es ist kurz vor elf. Auf meinem Handy kommt noch ein Anruf rein, eine Freundin, die mich zurückruft, über die Freisprechanlage unterhalten wir uns, kurz vor der Autobahnausfahrt Friedberg beenden wir das Gespräch. Als es gleich darauf noch einmal klingelt, glaube ich zunächst, ihr sei noch etwas eingefallen. Aber dann pfeift mir das Signal einer automatischen Ansage ins Ohr:

“Alarm für alle Einsatzkräfte des Kreisverbandes Aichach-Friedberg, zur Wache fahren und alle Fahrzeuge besetzen” lautet die Ansage. Danach noch die Uhrzeit. Es ist 23.13.

Es ist das vierte oder fünfte Mal, dass ich so eine Meldung erhalte, aber zu einem Einsatz bin ich nie rausgefahren. Drei oder vier Mal konnte der reguläre Rettungsdienst das jeweilige Geschehen, meistens schwere Verkehrsunfälle mit vielen Verletzten, unter Kontrolle bringen, und es drehte sich nur darum, im Hintergrund für weitere Notfälle Reserven bereitzustellen: “Gebietsabdeckung”. Und einmal handelte es sich um eine Übung.

Aber um diese Uhrzeit ist es wohl keine Übung…

Als ich wenige Minuten später kurz vor der Wache bin, erkenne ich schon von weitem, dass die Hallentore offen sind, dass auf dem Hof Fahrzeuge rangieren und erkenne gegen das Licht die Silhouetten von Kollegen. Ein Rettungswagen steht schon abfahrbereit mit laufendem Blaulicht vor der Halle. Offenbar keine Übung, und offensichtlich auch keine Gebietsabdeckung. Als ich näher komme, öffne ich kurz das Fenster.
“Was los?” erkundige ich mich im Telegrammstil.
“Da soll ein Tornado über Affing runter gegangen sein.” erklärt mir der Kollege.
“Ein Tornado? Runter gegangen?” wiederhole ich fragend. Das Wort hat zwei Bedeutungen. Wir leben in der Nähe von mehreren Militärflugplätzen. Und wir leben nicht in den USA. “Also ein Flugzeugabsturz?” hake ich noch einmal nach.
“Dachten wir auch zuerst.” erklärt er. “Aber es muss wohl ein richtiger Tornado gewesen sein – ein Sturm.”

Wenige Minuten später sitze ich in Dienstkleidung in diesem Mannschaftswagen vom Katastrophenschutz, den ich bisher nur von außen gesehen habe, auf der Rückbank neben drei Kollegen. Wir rollen hinter drei anderen Fahrzeugen im Konvoi Richtung Affing. Am Funk höre ich im Wechsel die Leitstelle, die Einsatzleitung vor Ort, die dabei ist, sich einen Überblick zu verschaffen, weitere, anrückende Fahrzeuge mit Positionsmeldungen, dann wieder die Einsatzleitung, die uns einen Aufstellort mitteilt, an dem wir Weiteres abwarten werden, um Arbeiten der Feuerwehr und unsere eigenen Aufgaben nicht durch die aufgestellten Einsatzfahrzeuge gegenseitig zu behindern.
“Es wird eben ein schwerer Sturm sein, aber mitten in Bayern sicher kein Tornado”, behaupte ich gegenüber Christoph, der neben mir sitzt, um mich selbst zu beruhigen. “Wir sind ja nicht in Amerika.”
Er zuckt mit den Schultern. “Es heißt, es seien mehrere Gebäude schwer beschädigt, oder eingefallen. Und Straßenlaternen seien umgerissen worden.”

Straßenlaternen haben kaum Luftwiderstand. Wenn das also stimmt, dann wäre es wohl kein gewöhnlicher Sturm.

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